Als Praxisinhaber hat man es nicht leicht: So schlagen auch in meiner Brust zwei Herzen. Nämlich das des Buchhalters und das des selbstlosen Helfers. Und kein Kompromiss in Sicht – oder?
Normalerweise mag ich Tiere. Aber zu einem bekomme ich gerade ein etwas zwiespältiges Verhältnis: Nämlich dem IGeL. Da kann aber dieses süße, stachelige Tierchen nichts für, sondern es geht natürlich um die Individuellen Gesundheitsleistungen – abgekürzt halt IGeL.
Der Gedanke dahinter ist eigentlich logisch: Manche Leute wollen Dinge, die nicht von den Krankenkassen bezahlt werden und das sollen diese Patienten dann individuell zahlen. So weit, so gut. Problematisch ist, wann genau die IGeL anfangen, wo es Kassenleistung ist und wieviel der Patient dafür bezahlen soll. Ein paar Beispiele.
Der Klassiker bei uns in der Praxis ist, dass Patienten im Rahmen der Check-up-Untersuchung nach Laborwerten fragen, die wir nicht mitbestimmen. Eigentlich ist im Check-up 35 ja nur vorgesehen, dass wir uns um Zucker- und Cholesterinwerte kümmern, aber wir erweitern das normalerweise schon um Blutbild, Kreatinin, Leberwerte und Harnsäure. Das finde ich auch gut und richtig und damit sind uns schon einige schwerwiegende Erkrankungen aufgefallen.
Aber dann kommen die Fragen: Nach Schilddrüsenwerten, Vitaminen (allen voran Vitamin D, aber auch B12 bei Vegetariern/Veganern), Eisenwerten und natürlich dem PSA. Das Problem für mich als Hausärztin: Wir haben die Arbeit (nicht nur die Blutabnahme selbst, sondern vor allem die spätere Erläuterung der Werte), aber bezahlt wird eigentlich erstmal das Labor und wir bekommen nichts ab. Das heißt, dass ich entweder kostenlos für das Labor arbeite und das alles als freie Serviceleistung mache, oder selbst eine Rechnung stelle für meinen Teil der Arbeit. Denn es kann durchaus ein paar Minuten dauern, über den Sinn und Unsinn von Vitamin-Bestimmungen oder dem PSA zu sprechen. Und das läppert sich, weil solche Fragen auch (zunehmend) häufig kommen. Was tun?
Ich überlege aktuell, unsere bisherige Laborgebühr von 5 Euro auf eine normale Beratung (Ziffer 1, GOÄ, Wert 10,72 Euro) anzuheben. Denn das ist es, was ich dann mache – ich berate den Patienten bezüglich seiner individuellen Gesundheitsleistung. Ein Wert auf dem Papier sagt den Leuten erst einmal gar nichts. Ich muss es für sie einordnen, mit ihnen darüber sprechen, über eventuelle Kontrollintervalle reden und so weiter. Aber leider wird da auch oft mit uns rumdiskutiert, dass das alles so teuer sei und warum die Krankenkasse das nicht übernimmt – ihr kennt es sicher.
Da kann ich nichts für. Ich mache meinen Job – und oft genug schneide ich mir ins eigene Fleisch, wenn mich ein Patient fragt, was ich von bestimmten Laborwerten halte und ich ihm dann davon abrate. Wohl wissend, dass ich für die Zeit, die ich DANN beraten habe, erst recht nichts bekomme.
Andere IGeL sind auch nicht besser und liefern immer wieder Anlass zu Diskussionen. Ja, ich knirsche auch mit den Zähnen, wenn ich einem Schülerpraktikanten Geld für ein Attest abnehmen muss, weil er das für ein Krankenhauspraktikum braucht. Auch da sind wir preislich, denke ich, sehr moderat (ca. 20 Euro), aber dafür BEZAHLEN, dass er das Praktikum machen DARF, finde ich in Anbetracht des Mangels an Pflegekräften auch echt seltsam.
Die heftigsten Diskussionen liefern regelmäßig aber die reise- und tauchmedizinischen Beratungen, die bei uns bislang hauptsächlich mein Chef macht. Da buchen die Leute einen Urlaub für hunderte Euro, aber die reisemedizinische Beratung, für die man sich auch entsprechend fortbilden soll (und auf Stand halten, was zusätzlich Zeit und Geld kostet), die soll doch bitte am liebsten gar nichts kosten und wenn, dann auf keinen Fall mehr als 20 Euro. Das finde ich schon echt grob.
So ein Reisemedizin-Grundkurs kostet locker 750 Euro (als Online-Kurs – ich rede nicht von der Variante, bei der man als Arzt selbst dabei Urlaub am anderen Ende der Welt macht) und dann kommen da noch teilweise jährliche Kosten hinzu. Ich habe auch schon von Kollegen gehört, die deswegen einfach sagen: „Ich suche mir die Impfempfehlungen raus und fertig.“ Kann man machen, ist sicherlich für den Arzt günstiger. Aber ich muss zugeben, dass ich mich da schon wohler fühle, wenn ich mich etwas intensiver damit auseinandergesetzt habe (denn mich haben schon Patienten mit diversen Vorerkrankungen gefragt, worauf sie z. B. beim Fliegen achten müssen – und das krieg ich nicht mal eben schnell alles gelesen). Deswegen werde ich definitiv einen entsprechenden Kurs machen, bevor ich so etwas anbiete. Aber das Geld kriegt man bei den Preisen ja nie wieder rein.
Eine Finanzberaterin sagte mir mal, dass ich eigentlich keine IGeL unter 80 Euro anbieten kann. Fand ich ja erstmal völlig überzogen und irgendwie obszön teuer („Ich bin Arzt, kein Verkäufer“). Und bei den Krankenkassen, die uns Reiseimpfungen bezahlen, bekommen wir doch nur ca. 15 Euro! Aber dann hab ich das nochmal in Ruhe durchgerechnet: Mit den Vorhaltekosten für Praxismiete, Kosten für die Mitarbeiter, Fortbildungen und Zeit sind 80 Euro plötzlich gar nicht mehr so unrealistisch für eine reisemedizinische Beratung von 20 Minuten. Da sind dann eher 15 Euro extrem wenig, aber als Hausarzt wüsste ich spontan gar keine Einzelleistung, die mehr als 40 Euro (z. B. Palliativhausbesuch) bringt. Wahrscheinlich gewöhnt man sich deswegen an diese Größenordnungen und alles darüber erscheint einem viel zu viel. Wenn ich mir dann mal so eine Handwerkerrechnung anschaue: Da zahlt man ja oft für Anreise und Kostenvoranschlag mindestens 50 Euro – eher ganz schnell auch dreistellige Beträge. Denn auch da entstehen Vorhaltekosten.
Der einzige IGeL, den ich aktuell regelhaft anbiete, ist Hilfe beim Ausfüllen von Patientenverfügungen. Oft haben die Patienten Fragen dazu, verstehen z. B. Formulierungen nicht. Jetzt kann man einwenden, dass das eigentlich ein juristisches Dokument ist und ich keine Juristin bin. Stimmt sicherlich, aber ich bin Ärztin und habe im Berufsleben genug mit Situationen zu tun gehabt, in denen solche Verfügungen zum Tragen kamen und gesehen, wie sie von den Ärzten (die ja die primären Akteure sind) interpretiert wurden.
Und Infos dazu, welche Situationen ich mehrfach erlebt habe, die aber nicht explizit in den Standard-Formulierungen erwähnt werden, kann ich dann auch an Patienten weitergeben (dieser Beitrag ist sehr lesenswert dazu). Deswegen glaube ich, dass meine Erfahrung für die Patienten sehr wertvoll ist und das ist auch die Rückmeldung, die wir als Praxis erhalten. Aber auch da sind wir wahrscheinlich zu billig, weil wir das normalerweise als GOÄ Ziffer 3 (ausführliche Beratung, 20,11 Euro) abrechnen. Das entspricht ebenfallsveher meinen bisherigen gefühlten Preisen und sicherlich nicht den realen Kosten.
Das ist das, was mich aktuell viel grübeln lässt. Ich möchte meine Patienten nicht über den Tisch ziehen. Aber es ist ja nicht so, dass sie bei all diesen Leistungen von mir nichts bekommen. Es sind Arbeit und Vorbereitung (ich sage nur Fortbildungszeiten), die da mit einfließen. Aber ich bin mir nicht sicher, wie man das gut kommunizieren kann. Aktuell überlege ich, einen Flyer auszulegen, wo ich einige Leistungen erläutere, die ich regelhaft anbieten möchte.
Das sind, wie oben erwähnt, Beratungen zu Laborwerten, Reiseberatungen oder eben die Patientenverfügungen. Ansonsten fände ich noch Tageslichtlampentherapie bei Depression interessant, weil ich solche Lampen seit Jahren den Patienten empfehle aufgrund der (vorsichtig positiven) Studienlage, aber viele das erst einmal lieber ausprobieren würden, weil die Lampen so teuer sind. Und es wäre der einzige IGeL, der sogar im IGeL-Monitor entsprechend vorsichtig positiv bewertet ist. Aber dafür hätte ich wieder sowohl Anschaffungskosten (die ich mir ja dann auch wieder erwirtschaften muss) als auch blockierte Räume, die wir gerade in den Wintermonaten dringend brauchen. Also wird das erst einmal warten müssen.
In diesen Flyer würde ich auch Preise schreiben wollen. Aber diese Preispolitik finde ich eben so schwierig. Festpreise? Was ist, wenn mich dann jemand für 45 Minuten mit Beschlag belegt, statt geplanter 20? Lieber Preisspannen? Direkt wieder Diskussionsgrund. Aber kostenlos arbeiten geht nicht.
Wenn jemand da Tipps für mich hat, wäre ich sehr dankbar. Denn momentan habe ich das Gefühl, dass zwei Seelen in meiner Brust sind: Die Arzt-/Helfer-Seele, die am liebsten einfach nur den Menschen helfen und sich möglichst wenig um Preise kümmern möchte und die Praxisinhaber-Seele, die mir immer wieder sagt, dass das so nicht richtig ist und am Ende so viele wirtschaftliche Existenzen an mir hängen, dass das Geld auch irgendwie reinkommen muss. Und ja, mir ist klar, dass es auf einen Kompromiss rausläuft zwischen Verdienst, Diskussionen und realen Kosten. Deswegen, frei nach Kissinger:
„Ein Kompromiss ist nur dann gerecht, brauchbar und dauerhaft, wenn alle Partner damit gleich unzufrieden sind.“
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