Das Jahr neigt sich dem Ende zu und ich blicke auf mein erstes Jahr mit eigener Praxis zurück. Dass sich dadurch vieles drastisch veränderte, war klar. Aber war es tatsächlich die richtige Entscheidung, Chefin zu werden?
So, es ist Jahresende, die Zeit der Rückblicke. Hier kommt also mein persönlicher Rückblick – auf das erste Jahr als Chefin. Fangen wir erstmal an, die verschiedenen Teilaspekte zu betrachten.
Die Patienten geben uns insgesamt eine sehr positive Rückmeldung, wir haben eher zu viele Anfragen als zu wenige (mehr dazu hier). Und als wir für einen Umbau mal drei Tage nicht zur Verfügung standen, ächzten die umliegenden Strukturen (Vertreter, etc.) schon ziemlich, obwohl wir vorher alles versucht hatten, um zu entlasten (frühzeitige Ankündigung, sogar unser Rezept-Anrufbeantworter lief weiter). Letztlich wurden aber auch die Umstrukturierungen gut angenommen.
Unsere Lösung für das Termin-Problem: Zwei Ärzte machen vordringlich ihre Termine, der dritte Arzt macht die offene Sprechstunde. FALLS die anderen beiden mal eine Lücke haben, weil etwas schneller ging als erwartet oder ein Patient nicht erscheint, können sie mithelfen, aber in der offenen Sprechstunde gibt es keinen Anspruch auf einen bestimmten Arzt. Das führt schon dazu, dass die Leute sich vermehrt Termine machen. Wir schaffen normalerweise eine Wartezeit von max. 15 Minuten bei Terminen, das ist nicht genial, aber damit können alle leben. Aber gleichzeitig haben wir eben einen Puffer für die Akut-Behandlungen, denn die machen, gerade in der Hausarztpraxis, schon eine Menge aus – teilweise sogar so viel, dass ich nicht sehe, wie wir das in nur einer Stunde bewältigen können. Wie gesagt: Es war eine Umstellung, aber bislang bewährt sich das Modell gut und es haben sich alle darauf eingestellt.
Auch da bekomme ich alles in allem sehr gute Rückmeldungen. Natürlich musste sich manches erst einstellen und ich habe definitiv einen anderen Führungsstil als mein Chef in den letzten 30 Jahren – was gerade für die älteren Mitarbeiterinnen sicherlich eine riesige Umstellung ist. Zusätzlich zu den ganzen technischen Neuerungen, die ich ja auch mit umsetzen muss und will (z. B. E-Rezept, elektronischer Terminkalender). Und ich würde lügen, wenn ich behaupte, das wäre alles ohne Konflikte gelaufen. Aber ich glaube, mein Team weiß, dass ich hinter ihm stehe und es steht auch hinter mir und legt sich toll ins Zeug. Was mich echt stolz und vor allem dankbar macht – wir reden immerhin von einem Team, dessen Mitglieder zwischen 18 und 63 Jahren alt sind. Also Generation B(oomer) bis Z. Es ist toll zu sehen, dass das so funktioniert.
Sagen wir mal: Es ist okay. Dass es für meine Familie eher Belastung als Grund zum Jubel war, als ich die Praxis übernahm, war klar. Aber insgesamt haben wir es doch geschafft, dass ich mich auch im Familienleben einbringen kann und für meine Kinder da bin – zum Lesen, zum Trösten, für Handballspiele, Musik-Vorspiel, für gebrochene Knochen. Einfach als Mama. Ja, es ist VIEL weniger Zeit als vorher, aber ich versuche schon, dass ich einige Dinge auch in den späteren Abend lege, wenn die Kinder im Bett sind. Derjenige, der sicher am meisten Abstriche machen musste, war mein Mann, denn a) blieben einige Dinge an ihm hängen, die ich vorher mit übernommen hatte und b) ist gerade abends ja oft die einzige Zeit, die als Paar bleibt und wenn ich die dann für Tagesprotokolle nutze, muss er mich letztlich mit der Praxis teilen. Ich bin ihm wahnsinnig dankbar, dass er mich da so unterstützt. Denn das ist schon oft auch hart für ihn, das weiß ich.
Gute Frage. Ich hab schon extrem durchgepowert im letzten Jahr und das werde ich so nicht auf Dauer durchhalten. Das ist mir klar und ich werde versuchen, mir wieder vermehrt Optionen freizublocken. Letztlich führen mir die Patienten schließlich gar nicht so selten vor Augen, wohin es führt, wenn ich nicht auch auf mich selbst aufpasse – Burnout-Patienten sind ja inzwischen quasi täglich Brot. Aber es ist extrem schwierig, da Freiräume für mich zu blocken. Denn die Praxis fordert nun mal viel Aufmerksamkeit, auch wenn ich so langsam versuche, sie so zu strukturieren, dass ich nicht alles selbst erledigen muss. Und ich sehe auch, dass meine Familie mich braucht – und ich brauche sie.
Trotzdem werde ich schon versuchen, mir selbst etwas mehr Down-Time im nächsten Jahr zu gönnen. Zeit für mich, Zeit dafür, Hobbys aufleben zu lassen, die jetzt so ziemlich ein Jahr lang brach gelegen haben, Zeit für Freunde (die ich auch VIEL weniger gesehen und gesprochen habe, als mir lieb ist). Denn letztlich ist es so, wie ja auch einige hier immer wieder schreiben: Wenn ich kaputt bin, hilft das auch keinem. Und mir ist schon auch klar, dass ich nicht unersetzbar bin für die Patienten und auch letztlich für mein Team.
Ich glaube, dass es richtig war, die Praxis zu übernehmen und im Ganzen fühlt es sich auch gut an. Ich habe noch meine Baustellen und es wird noch Zeit brauchen, um für einiges die Routine zu bekommen, aber die Richtung stimmt. Jetzt muss ich nur noch aufpassen, dass die Praxis mich nicht auffrisst. Eine Lektion, an der ich schon seit Jahren (auch in Bezug auf Patientenschicksale) immer wieder arbeite. Und, dass ich gedanklich in die Richtung „Letztlich muss man auch loslassen können – denn man kann nicht alles lösen“ komme. Diese Balance wird meine Aufgabe für die nächsten Jahre.
Bildquelle: erstellt mit Midjourney