Ich habe ein klares Tagesziel. Doch dann kommt mein Kollege Gustl mit seiner Ehekrise. Zwischendurch ein Entlastungsgespräch mit einem Gefangenen, kurz darauf spiele ich noch die Frau vom psychotischen Herrn Vogel – ein ganz normaler Tag also.
In der Theorie habe ich pro Tag acht Stunden Zeit, um durchschnittlich mit fünf bis sieben Gefangenen zu sprechen. Das ist rein rechnerisch gut machbar. In der Praxis laufe ich um acht Uhr morgens über den Gang und die Kollegin von G0 fängt mich ab mit den Worten: „Auf der 12 liegt einer, der weint, seit ich heute früh aufgemacht habe. Mit mir spricht der nicht. Kannst du mal schauen?“
Und dann kann ich natürlich. Treppe rauf, erstmal in mein Büro und ablegen. Dabei komme ich am Stationsbüro vorbei. Mein Kollege Gustl macht ein Gesicht, als sei ein LKW drübergefahren. Natürlich setze ich mich und erkundige mich, was ihm die Petersilie verhagelt hat. Aber so schnell geht das natürlich nicht. Erst muss ich eine Schimpftirade gegen die Kollegen, den Chef, den Personalrat, die Bahn und die Grünen über mich ergehen lassen. Ich pralle – zwar innerlich vorbereitet aber dennoch mit voller Wucht – gegen eine Abwehrmauer voll Sarkasmus, Zynismus und Aggression. Also arbeite ich mich langsam über die Brücke der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung vor zum eigentlichen Problem: Die Angst vor dem Versagen und der eigenen Unzulänglichkeit, die den Bombardements des Alltages nicht mehr standhält.
Eine unzufriedene Ehefrau, zwei aufmerksamkeitsfressende Kleinkinder und die Kompensation des ewigen Personalmangels in der Anstalt machen jedes Work-Life-Balance-Schema zu einem Spottbild. Das Ganze manifestiert sich wie üblich: erhöhter Alkoholkonsum, sinnloser Zank mit der Frau – und am Ende werden die Kinder angeschrien, was zu erneuten Selbstvorwürfen, noch mehr Zank mit der Frau und noch mehr Alkoholkonsum führt. Und wieder von vorn.
Wir sprechen eine halbe Stunde und Gustl ist sortierter. Die Probleme sind unverändert, aber ihm ist jetzt zumindest klar, was überhaupt die Probleme sind. Er bedankt sich, ich packe meinen Kram und betrete mein Büro um 09:15 Uhr. Sechs Anträge liegen im Fach. Theoretisch gar nicht so tragisch – theoretisch. Praktisch bin ich schon über eine Stunde eingestempelt und habe noch nichts davon erledigt.
Das Telefon klingelt. G0. Da wäre noch der Gefangene, der übrigens immer noch weint … ach ja. Wollte ich ja gleich erledigen. Ich haste die Treppe hinunter und versuche, dabei nicht auszusehen wie eine klischeehafte Überzeichnung eines zerstreuten Professors, der seine Termine nicht unter Kontrolle hat. Ich nehme den Gefangenen mit in mein Büro. Ein junger Afrikaner, seit vier Tagen hier. Er sitzt schmerzhaft verkrümmt vor mir. Man könnte meinen, auf seinem Stuhl herrsche die fünffache Erdanziehungskraft. Seine Freundin hat bei der Polizei angegeben, er habe sie zu drei unterschiedlichen Gelegenheiten ins Gesicht geschlagen. Schluchzend beteuert er wieder und wieder, er könne überhaupt nicht verstehen, was das soll. Man habe sich immer gut verstanden und plötzlich habe die Polizei vor seiner Tür gestanden, während er das gemeinsame Abendessen zubereitet habe.
Theoretisch sollten wir es vermeiden, mit den Gefangenen über ihre Taten zu sprechen, da wir im Ernstfall kein Zeugnisverweigerungsrecht haben. Zwar eine Schweigepflicht – aber das ist eben nicht dasselbe. Praktisch ist es hier drinnen unmöglich, NICHT über die Tat zu sprechen. Ein Großteil der Gefangenen wurde von einem Tag auf den anderen aus einer gemütlichen warmen Wohnung in ein graues Betonloch mit einem mickrigen Fenster und einem unbequemen Bett verpflanzt. Und zwar aus Sicht der Betroffenen meist zu Unrecht. Und genau darüber wollen sie sprechen und über nichts anderes.
Ich höre mir das Ganze eine gute halbe Stunde an. Ein – wie es so schön heißt – „entlastendes Gespräch“. Man lässt den Klienten sprechen, lenkt nur wenn unbedingt nötig, macht ein paar bestärkende Gesten oder Geräusche. Nach 20 bis 30 Minuten fasst man das Gesagte zusammen und versucht einen guten Abschluss zu finden. Nervt mich persönlich ein bisschen, weil es nicht produktiv ist. Aber zu diesem Zeitpunkt macht nichts anderes einen Sinn. Ich biete ein Folgegespräch an und bringe den jungen Mann zurück. Ich schreibe einen kurzen Bericht im Büro. Wir haben Schweigepflicht – auch innerhalb der Anstalt. Von daher gibt es nur die nötigsten Infos: keine Suizidalität, keine weiteren Maßnahmen nötig. Später mal fragen, wie es ihm geht, zur Not nochmal anrufen.
Zurück im Büro. Zehn Uhr. Theoretisch müsste ich nun mindestens schon zwei bis drei Antragscheine erledigt haben. Praktisch habe ich die Scheine noch nicht einmal durchgelesen. Ich sortiere nach Datum und Dringlichkeit und mache mich auf den Weg. Einmal „hat sich erledigt, mir ging es Freitag schlecht, aber jetzt ist ja schon Montag und wenn Sie so lang brauchen, will ich auch nicht mehr“, einmal zum Psychiater (der bin ich nicht) und noch ein echtes Gespräch.
Ich arbeite so vor mich hin. Spreche, protokolliere, smalltalke auf dem Gang und an den Kostklappen. Zwischendrin ein Kaffee mit den Kollegen, da scheppert mein Funk: „Charlotte, kannst du mal auf B0? Unser Freund verweigert wieder die Medis“. „Unser Freund“ ist ein zwei Meter großer, volltätowierter Glatzkopf. Nennen wir ihn Herrn Vogel. Herr Vogel ist in den 50ern und hat in seiner Sturm- und Drangzeit ein wenig zu heftig gefeiert, seinem Gehirn zu viele Substanzen zugemutet und wohl auch ein paar Mal zu oft eine auf die Mütze bekommen. Er leidet unter schubweisen psychotischen Episoden und ist seit ein paar Jahren auch mittelgradig depressiv.
Die Depression „behandelt“ er draußen selbst, indem er – richtig geraten! – säuft. Und Drogen nimmt. So ein Gehirn kann einiges kompensieren, ist aber eben auch nicht unbegrenzt belastbar. Meistens ist Herr Vogel ganz gut zu haben, vorausgesetzt, er nimmt seine Medikamente. Das Problem an Psychopharmaka ist, dass sie nur wirken, wenn der Wirkstoffspiegel im Körper aufrechterhalten wird. Dann sieht der Patient klar, hat in der Regel Krankheitseinsicht und ist compliant.
Nimmt er ein paar Tage seine Medikamente nicht (weil er sie vergisst oder an andere Gefangene verkauft), fällt der Spiegel, und den toxischen Gedanken werden Tür und Tor geöffnet: Verfolgungs- und Vergiftungsphantasien machen sich breit, und die heben nicht gerade die Bereitschaft, in einem Zwangssystem wie dem Knast weiterhin Tabletten einzunehmen, die von den Bediensteten ausgegeben werden.
Der Gefangene verweigert, der Spiegel fällt weiter, der Gefangene wird schlechter und möglicherweise aggressiv. Nicht gut. Um diesen Teufelskreis zu umgehen, gibt es – theoretisch – das Mittel der richterlich anzuordnenden „Zwangsmedikation“. Seit dem Fall Mollath sind die Hürden für diese Maßnahme zu Recht exorbitant verschärft worden. In der Praxis muss man also den Teufelskreis von Medikationsverweigerung und klinischer Verschlechterung erst eskalieren lassen, bevor man eine Zwangsmedikation überhaupt beantragt.
Da die oben genannte Eskalation für keinen der Beteiligten eine Freude ist, kommen zuvor meist wir Psychologen ins Spiel. Ich öffne die Kostklappe:
„Herr Vogel?“
„Ja. Vogel. Hier zu Hause. Was gibt’s??!“
„Ich bin’s, die Frau Pisch. Es gibt Probleme mit den Medikamenten, sagt der Kollege?“
„Jaaaaa!!!! Genau. Die Medikamente. Ich sollte ja Quetiapin bekommen und Sertralin, aber ich hatte früher Quetiapin Accord, und auf den Tabletten stand jetzt eine 50 und es waren vier, bis gestern stand nix drauf, und es war ein Stern und nur zwei, und man muss hier nicht meinen, dass man mich verarschen kann. Ichnehmdochnichtdiedoppeltedosisvonetwaswoichgarnichtweißwasesist…!“
Ich unterbreche ihn: „HERR VOGEL!"
"Schreien Sie doch nicht so."
"Entschuldigung. Kann es sein, dass das vier 50er Tabletten sind und Sie bisher einfach zwei 100er bekommen haben?“
„Nein, nein. Bis gestern die waren gelb. Sonnengelb. Und die heute sind braun, als wären sie schon schlecht und klein, und das Sertralin war auch nicht dabei. Und das Olanzapin war damals auch auf dem Schrank, weil die Medboxen wieder zu spät aufgefüllt wurden und auch wieder erst mit der Feuerwehr nach draußen geschickt wurde.“ Oh je.
„Herr Vogel, jetzt komm ich nicht mehr mit. Die Medboxen kamen heute zu spät, aber was hat denn jetzt die Feuerwehr damit zu tun?“
Ich hoffe, ihn mit dieser Spiegelfrage noch zurückholen zu können. Manchmal merkt er dann, dass er abgleitet und sortiert sich nochmal.
„Jaaaa, damals mit meiner Frau, das war schön. Stundenlang sind wir an der Elbe gewandert. Und Wein! Was HABEN wir Wein getrunken!“ Da bin ich sicher. „Gesungen haben wir. Stundenlang!“
Laut Unterlagen war Herr Vogel nie verheiratet. Ich lächle. Herr Vogel ist ganz weit weg. Ein letzter Versuch: „HERR VOGEL!“
„Sind Sie meine Frau?“
„Ich glaube nicht. Aber ich hätte gerne, dass Sie ihre Medikamente nehmen.“
„Das hat meine Frau auch immer gesagt. Ich hatte immer so Magenschmerzen. Sind das meine Magentabletten, Liebes?“
„Ja genau. Ich hätte gern, dass du die nimmst.“ Ich halte sie ihm hin, er nimmt sie aus meiner flachen Hand und wirft sie sich in den Mund.
„Jetzt bin ich müde, meine Liebe. Ich lege mich ins Bett.“
Ich schließe die Tür mit einem erleichterten „Gute Nacht.“
Theoretisch darf man so etwas wirklich nicht machen. Es ist nicht lege artis. Erstens muss man wahrheitsgemäß über die Medikation aufklären, zweitens geht man nie mit einer Psychose mit. Aus vielen Gründen. Herr Vogel könnte morgen aufwachen und sich erinnern, dass ich mich als seine Frau ausgegeben habe. Nicht gut. Er könnte sich erinnern, dass ich ihm seine Medis als Magentabletten verkauft habe. Vertrauensbruch. Und rechtlich sehr fragwürdig.
Theoretisch war das richtig falsch. Praktisch aber sind 200 mg Quetiapin in Herrn Vogel. Und manchmal kommt es nur darauf an, eine Eskalation und somit eine Zwangsmedikation zu umgehen. Insbesondere, wenn der Patient 120 Kilogramm wiegt.
Am Ende des Tages sind noch zwei Antragscheine übrig und die Erkenntnis, dass Theorie und Praxis manchmal einfach sehr weit auseinander liegen.
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