Bei der operativen Behandlung von Aneurysmen kann die Unterbindung der Blutzufuhr zum Rückenmark eine Lähmung verursachen. Ein neues Verfahren umgeht das Problem mit einem Trick, der die Bildung eines alternativen Blutversorgungssystems ermöglicht.
Wenn Aneurysmen rechtzeitig erkannt werden, können Chirurgen sie operativ behandeln. In den betroffenen Abschnitt der Aorta wird minimal-invasiv ein Rohr aus Drahtgeflecht oder Kunststoff eingesetzt. Das Problem: Von der Hauptschlagader zweigen unter anderem Äste ab, die das Rückenmark direkt mit Blut versorgen. Bei einer Operation aber müssen die Ärzte die Blutzufuhr zum Rückenmark im erkrankten Abschnitt der Hauptschlagader dauerhaft unterbrechen. Durch die fehlende Blut- und folglich Sauerstoffversorgung kann das Rückenmark geschädigt werden.
Das kann zu einer Querschnittslähmung führen. „Diese schwere Komplikation kann in bis zu 20 Prozent ausgedehnter Aneurysma-Operationen im Bereich der thorako-abdominalen Aorta auftreten“, sagt Dr. Maximilian Lühr von der Herzchirurgischen Klinik und Poliklinik am Klinikum der Universität München, „für die Patienten ist das eine dramatische körperliche Beeinträchtigung und eine schwere psychische Belastung.“ Experten suchen nach neuen Verfahren, um die drastische OP-Komplikation zu verhindern oder zumindest das entsprechende Risiko zu senken. Lührs Kollege Prof. Etz von der Universität Leipzig hat nach jahrelanger Forschungsarbeit eine erfolgversprechende Methode entwickelt. Sie soll an mehreren internationalen Aortenzentren, so auch am LMU-Klinikum in Großhadern, im großen Maßstab an Patienten geprüft werden.
Hochrisikopatienten laufen Gefahr, dass ihre Aneurysmen binnen weniger Wochen platzen. Zwei von ihnen wurden von einem Team um Etz bereits erfolgreich mit dem neuen Verfahren behandelt. Um die kritische Blutversorgung zum Rückenmark auch bei der OP zu sichern, wenden die Ärzte vor dem Eingriff einen Trick an: „Wir programmieren das Netzwerk aus Arterien im Gefahrenbereich so um, dass die Hauptschlagader mit einem deutlich niedrigeren Risiko ersetzt werden kann“, erklärt Lühr. Dafür setzen die Mediziner drei bis fünf Wochen vor der OP in die abgehenden Arterien zum Rückenmark winzige Drahtknäuel ein. 8 mm Coil (Drahtknäul) auf einer Fingerkuppe, mit dem vor der Operation die Abgangsgefäße von der Hauptschlagader zum Rückenmark verschlossen werden ©Klinikum der Universität München Auf diese Weise entstehen einige Sackgassen im Arteriennetzwerk. Der Körper reagiert darauf flexibel: Er bildet neue Umgehungskreisläufe durch die Neuausrichtung von umgebenden Arterien der Wirbelsäule beziehungsweise deren umgebende Muskulatur.
Die Umgehungskreisläufe stellen später während des Eingriffs eine ausreichende Blutversorgung des Rückenmarks sicher – auch wenn der direkte Blutfluss von der Hauptschlagader unterbrochen ist. „Die klinische Etablierung dieser neuen Methode zur Umleitung des Blutstromes zum Rückenmark“, sagt Lühr, „könnte die drohende Gefahr einer Querschnittslähmung bei ausgedehnten Operationen an der Hauptschlagader minimieren oder im Idealfall ganz eliminieren. Derzeit können wir allerdings nur Patienten mit der neuen Therapiemethode behandeln, die für eine geplante Operation zu uns kommen und sich nach ausführlicher Aufklärung auch ausdrücklich dafür entscheiden.“ Originalquelle: PAPA-ARTIS gegen die drohende Lähmung: Herzspezialisten testen neues OP-Verfahren Klinikum der Universität München; Pressemitteilung; 2017